Der Router – 1. Akt

Auftakt

Fürchterliche Schreie und flehendes Wimmern sind hinter dem Bühnenvorhang zu vernehmen. Eine dunkle Gestalt tritt aus dem Vorhang heraus. Sie ist bewaffnet und zielt auf das Publikum.

Attentäter: Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen! Also muss man seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht indem ich einem überbezahlten Chef im Arsch rumkrieche oder mich von Faschisten verarschen lasse die mir erzählen wollen wir leben in einer Volksherrschaft.

Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden! Vielleicht hätte mein Leben komplett anders verlaufen können. Aber die Gesellschaft hat nunmal keinen Platz für Individualisten. Ich meine richtige Individualisten, Leute die selbst denken, und nicht solche “Ich trage ein Nietenarmband und bin alternativ” Idioten!
Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. Ihr habt euch über mich lustig gemacht, dasselbe habe ich nun mit euch getan, ich hatte nur einen ganz anderen Humor!

Der Attentäter zielt langsam und horizontal durch die Reihen der Zuschauer, bis er sich hin kniet, die Waffe an die eigene Schläfe setzt und sich erschießt.
Das Licht wird gedimmt und zwei Anzug tragende Clowns treten hervor, die den Leichnam gefühlskalt in einen blauen Müllsack stecken und von dannen schleifen.

1. Akt

Der junge Knabe Moritz sitzt vor seinem Computer und ist tief in die virtuelle Welt versunken. Lichter flackern über sein Gesicht und zeichnen Farbe in sein sonst so leeres Mimik.

Mit einem gewissen Abstand zu Moritz stehen zwei Karatekämpfer, die sich in einem gleichmäßigen Takt mit ihren Fäusten duellieren. Der linke Kämpfer ist ganz in Blau gekleidet, während sein Gegenüber in einem roten Kampfanzug vor ihm steht.
Der Blau ringt den Roten nieder.

Moritz: Nein! Wie kannst du es wagen! Ich mach dich fertig man! Mit dieser billig Kombo machst du mir noch lange nichts vor.

Wild beginnt Moritz auf seiner Tastatur herumzuhacken, was dazu führt, dass die Rote Figur sich erhebt und auf den Blauen stürzt. Beide rappeln sich schnell wieder auf und stehen sich in Angriffsposition gegenüber.

Moritz: Jahaha, nun werde ich dir deinen Arsch versohlen. Ich lass mich doch nicht wie ein Anfänger vorführen!

Die rote Figur setzt zum überlegenen Schlag an.

Moritz: What the fuck?!?

Das Licht auf Moritz Bildschirm verschwindet, die beiden Kämpfer fangen an zu zucken und schließlich umzufallen, wobei sie von der Bühne rollen.

Licht dringt in die abgedunkelte Welt ein.
Mit einem lauten Poltern tritt der Vater samt Mutter im Zimmer von Moritz ein. Der in Schlips und Kragen gewandte Vater schwingt aggressiv ein LAN Kabel über seinem Kopf, während die Mutter mit einer umgehängten Schürze und gefalteten Händen besorgt hinter ihrem Mann steht.

Vater: Schluss jetzt mein Sohn. Es ist eindeutig genug! Jeden Tag muss ich hier miterleben, wie du das halbe Haus zusammenschreisst und unserer verdiente Ruhe jäh zu stören beginnst.
Aber diesen Zustand hast du heute ja noch einmal gänzlich getoppt.
Schatz gib mir doch bitte nochmal den Zettel.

Schweigend übergibt die Mutter einen Zettel an ihren Mann, der sich diesen sofort vor sein Gesicht hält.

Vater: „Dein gesamtes Schuljahr scheint ja ein vorgezogener Abistreich für dich gewesen zu sein.“
Was soll das heißen mein Sohn? WIR geben hier alles, um DIR die bestmögliche Ausbildung zu liefern und du hast nichts anderes im Sinn, als gedankenlos vor dieser Spielmaschine zu hocken.

Moritz: Aber Paps. Latein ist nunmal sch…

Vater: Paperlapap. Komm mir ja nicht mit deinen faulen Ausreden für dein faules Verhalten.
Was machst du denn den ganzen Tag hier? Du hängst nur noch vor diesem Daddelkasten.
Als ich in deinem Alter war, da habe ich mich mit meinen Freunden getroffen oder mir auch mein erstes Geld dazuverdient.

Moritz: Ja aber ich kann meine Freunde doch auch im Internet treffen. Und was hast du überhaupt mit deinem Geld damals anfangen können?

Vater: Ich habe es gespart, mein Sohn. Und schau an was für ein Glück du nun hast, dass dein alter Herr mit Geld umgehen kann. Dieses Haus, der riesige Fernseher und unsere beiden Autos vor der Garage. Wir haben es zu etwas gebracht im Leben.

Ein Batzen Konfetti regnet auf die Bühne, während der Vater in Sieger-Pose stehend, von einem Lichtkegel beleuchtet wird. Nach dieser Statuen Position löst sich die Beleuchtung wieder auf und der Vater entschreitet dem Zimmer. Die Mutter hat in der Zwischenzeit Putzzeug geholt und beginnt wiederum das Konfetti wegzufegen.

Mutter: Dein Vater hat Recht mein Sohn. Er hat sehr hart dafür gearbeitet um uns solch eine Lebenssituation zu schaffen.

Moritz: Ich weiß Mutter, ich weiß. Vater verdient das Geld und hat deshalb auch das Sagen.

Mutter: Genau. Also bitte sei doch so lieb und fang an mehr für die Schule zu lernen, sonst wird dein Vater wieder sauer, einverstanden?

Moritz: Natürlich Mutter, natürlich.

Die Mutter nimmt ihr Werkzeug und verlässt das Zimmer ihres Sohnes. Dieser sitzt mit hängendem Kopf auf seinem Schreibtischstuhl. Nach einer Weile bewegt er sich auf seinen Bücherschrank zu und nimmt ein Buch von Tucholsky heraus. [Kurt Tucholsky - Danach]

Moritz:
„Es wird nach einem Happy End
im Film gewöhnlich abgeblendt.
Man sieht bloß noch in ihre Lippen
den Helden seinen Schnurrbart stippen-
da hat sie nun den Schentelmen.
Na, und denn-?
Denn gehn die beiden brav ins Bett
Naja…..das ist ja auch ganz nett.
Ja manchmal möchte man doch gern wissen:
Was tun sie, wenn sie sich nicht küssen?
Die könn’ ja doch nicht immer penn…..!
Na, und denn-?
Denn säuselt im Kamin der Wind.
Denn kriegt das junge Paar ‘n Kind.
Denn kocht sie Milch. Die Milch läuft über.
Denn macht er Krach. Denn weint sie drüber.
Denn wollen sich beide gänzlich trenn…..
Na, und denn-?
Denn ist das Kind nicht aufm Damm.
Denn bleiben die beiden doch zusamm.
Denn quäln sie sich noch manche Jahre.
Er will noch was mit blonde Haare:
vorn doof und hinten minorenn….
Na, und denn-?
Denn sind sie alt.
Der Sohn haut ab.
Der Olle macht nun auch bald schlapp.
Vergessen Kuss und Schnurrbartzeit
Ach, Menschenskind, wie liegt das weit!
Wie der noch scharf auf Muttern war,
das ist schon beinah nicht mehr wahr!
Der olle Mann denkt so zurück:
was hat er nun von seinen Glück?
Die Ehe war zum größten Teile
verbrühte Milch und Langeweile.
Und darum wird beim Happy End
im Film gewöhnlich abgeblendt.“
Resignierend wirft Moritz das Buch wieder in die Ecke und verlässt sein Zimmer.
Hinter der Kulisse hört man ihn noch rufen.

Moritz: Pope! Ich muss doch noch für die Schule was im Internet nachschauen…


Über diesen Eintrag